Wehe wenn sie losgelassen

Martina Schwäger bespricht Dörte Blechmanns Buch‚ Wehe wenn sie losgelassen, das die Anfänge des Frauenradfahrens in Deutschland aufzeichnet.

Die alte Frau bei uns gegenüber fährt mit dem Fahrrad zum Einkaufen. Meine Nichte ist neun und fährt mit dem Fahrrad zur Schule. Meine Freundin ist Ausdauersportlerin und fährt mit dem Rennrad überallhin. Frauen fahren Fahrrad – na und?

„Eine Dame soll stets eine Dame bleiben, ganz besonders soll sie es vermeiden, das Ansehen und die wachsende Beliebtheit des Radfahrsports bei ihresgleichen auf solche Art im höchsten Grade zu miskreditieren. (...) Ich gebrauchte soeben die Bezeichnung ‚Schaustellung‘. Eine solche ist es zweifellos, wenn eine Dame mit leichtestem Renn-Kostüm, in rasender Fahrt, womöglich mit gelöstem Haar, über die Rennbahn dahinfährt, für den Pöbel eine Gelegenheit, ‚Radau‘ zu machen und für das anständige Publikum, welches die Tribünenplätze innehat, ein Anblick des Abscheus und des Ekels!“

Es war also nicht immer selbstverständlich. Der sich da so drastisch über den Frauenradsport äußert, ist der Arzt C. Fressel. Der gehörte vor gut 100 Jahren noch zu den Gemäßigten und verdammte die radelnden Frauen nicht in Bausch und Bogen. Wie genau das damals war, wie das „schwache Geschlecht“ auf den Drahtesel kam und welche Hindernisse es zu überwinden hatte, das beschreibt Dörte Bleckmann in ihrem Buch „Wehe wenn sie losgelassen! Über die Anfänge des Frauenradfahrens in Deutschland“.

Dörte Bleckmann hat ihr Werk mit zahlreichen Zitaten damaliger Zeitgenossen geschmückt. Ärzte, Wissenschaftler, Journalisten, selbsternannte Experten – Männer wie Frauen – sie sprechen eine deutliche Sprache. Abbildungen der Räder und Radlerinnen runden die Bilder ab, die vor Ihren Augen entstehen werden: Bilder der in den gesellschaftlichen Zwängen fast erstickenden Frauen, die dennoch die Kraft finden, sich (ein wenig) freizustrampeln.

Dieses Buch ist keine trockene wissenschaftliche Abhandlung, und dennoch ist sein wissenschaftlicher Wert unbestreitbar. Zeigt es uns doch, dass das Fahrradfahren die Prozesse des gesellschaftlichen Umbruchs um die Jahrhundertwende beschleunigt und somit zur Emanzipation der Frau beigetragen hat.

Die Studie „gipfelt in der noch immer umstrittenen Frage nach dem Zusammenhang von Radfahren und Frauenemanzipation“, schreibt Dörte Bleckmann in ihrer Einleitung. Sie geht dieser Frage Schritt für Schritt auf den Grund. Die „Geschichte des Damenfahrrades“ ist ein Kapitel, das durch seine Bilder spricht und belustigt. Besonders amüsant ist das Damenmodell von James Starley, bei dem beide Tretkurbeln auf derselben Seite des Vorderrades angebracht und Sattel und Hinterrad seitlich versetzt sind. Das zweite Kapitel behandelt das Verhältnis der Frauen zu ihren Rädern. In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnten sich nur einige Frauen des Bürgertums das Privileg leisten, Fahrrad zu fahren. Bereits um die Jahrhundertwende verlor das Fahrrad seine „gesellschaftliche Exklusivität“. „Das Bedürfnis gesellschaftlicher Abgrenzung nach unten“ wurde dann zunehmend mit dem Automobil befriedigt.

Die Themen Gesundheit, Sexualität, Kleidung, Benimmregeln und Radsport, die Bleckmann in den folgenden beiden Kapiteln behandelt, zeigen, wie sehr das Frauenradfahren erbitterte Kontroversen auslöste. Frauen galten als das schwache und dem Mann in Natur und Kultur unterlegene Geschlecht. In den „besseren Kreisen“ waren sie immer kränklich, blaß, nervös und leicht reizbar, und deshalb waren ihnen lediglich Handarbeiten, Klavierspiel, leichte Hausarbeiten und kurze Spaziergänge zuzumuten. Dass Bewegungsarmut, Häuslichkeit und mangelnde geistige Anregungen gerade diese Schwachheiten begründeten, darauf kamen einige Ärzte und Wissenschaftler erst, nachdem die Frauen das Radfahren als Quell neuer Lebensfreude entdeckt hatten.

Aber nicht nur Männer ereiferten sich ob der unerhörten Übertretungen gesellschaftlicher Normen. Auch viele Frauen warnten ihre Kameradinnen vor Übertreibung und zu großem Ehrgeiz. „Wir wollen keine kampflüsternen, ruhmeslechzenden Amazonen“, hieß es in dem von Redakteurinnen der „Wiener Mode“ geschriebenen Buch „Vademecum für Radfahrerinnen“. Und weiter: „Die Radlerinnen sollten sich keinesfalls in einem solchen Grade echauffiren, daß sie nicht nur in ihrem ganzen Aussehen zu wünschen übriglassen, sondern auch unfähig sind, den gesellschaftlichen Anforderungen nachzukommen!“

Es ging also, wie Dörte Bleckmann dokumentiert, um das rechte, der Weiblichkeit angemessene Maß und somit auch um die entsprechende, der Weiblichkeit angemessene Kleidung. Denn Fahrradfahren in den damals für Frauen obligatorischen langen und mit zahlreichen Unterbeinkleidern versehenen Röcken war nahezu unmöglich. Obwohl es eine Reihe sehr phantasievoller, wenn auch wenig praktikabler Erfindungen wie etwa den „geteilten Beinkleidrock“ gab, setzte sich über kurz oder lang doch die Hose durch. „Gerade die hosentragende Radfahrerin aber vermittelte den Eindruck, eine ‚denkende selbständige Frau‘ zu sein, die ‚den letzten Rest der conventionellen Schüchternheit ‚abgestreift‘ habe und stattdessen immer mehr an Mut und Selbständigkeit gewinne. „Der Rock war nun einmal das ‚typische Unterscheidungszeichen zwischen Mann und Frau‘, und erst die Hose löste Befürchtungen aus”, so die Autorin.

Selbstverständlich war das damals rechte Maß auch nicht mit dem Frauen-Radrennsport vereinbar. „Auf diese Weise trug der Radfahrsport, wie der Sport insgesamt, zur Auflockerung der starren Geschlechterhierarchie bei. In einer Gesellschaft, die die Verschiedenheit der Geschlechter betonte, die nicht nur deren gegenseitige Anziehung, sondern auch die unterschiedlichen Rollenzuweisungen und die darin enthaltene Hierarchie auf diese Verschiedenheit zurückführte, bedeuteten die gemeinsamen Aktivitäten und der kameradschaftliche Umgang von Frauen und Männern eine Infragestellung ihrer Grundüberzeugungen.“

Der Sport hatte jedoch auch noch eine andere, viel gefährlichere Seite: Denn Vereine und Verbände können nach innen und nach außen Einfluss auf die Politik nehmen. Doch offensichtlich wurde diese Chance in Deutschland nicht genutzt: „Anders als etwa in Neuseeland, wo sich Frauenradfahrvereine für Kleiderreform und Frauenemanzipation stark machten, ließen die Frauenradfahrvereine im deutschsprachigen Raum kein politisches Selbstverständnis erkennen.“ Auch in England waren die Radlerinnen offenbar kämpferischer und politisch durchsetzungsfähiger. In Oxford organisierten sie zum Beispiel 1897 eine öffentliche Demonstration, die als „Hosenkongress“ in die Geschichte einging.

Als Fazit für die Leserin und Radlerin bleibt vor allem die Erleichterung darüber, dass sie sich nicht wie vor 100 Jahren mit Pumphose und hochgeschlossener Bluse oder „geteiltem Beinkleidrock“ auf ihr Fahrrad schwingen muss. Und dass sie nicht das schlechte Gewissen plagt, weil sie den Haushalt vernachlässigt oder die Etikette verletzt, wenn sie die Kinder in den Anhänger setzt und mit ihnen über die Dörfer radelt.

Dörte Bleckmanns Buch „Wehe wenn sie losgelassen! Über die Anfänge des Frauenradfahrens in Deutschland“ ist erschienen im Verlag Maxi Kutschera, Gera, Leipzig, ISBN 3 931 965 04-X.

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