Quer durch Afrika Claude Marthaler

In den 30er Jahren durchquerten Eric und Jack Attwell auf Dreigangtourenrädern Afrika in voller Länge. Sie machten sich ohne Hut, ohne Proviant und ohne Erfahrung auf den Weg, und sie fuhren meistens auf unbefestigten Wegen. Kurz vor seiner eigenen Fahrt quer durch Afrika unterhielt sich Weltumfahrer Claude Marthaler 63 Jahre danach mit Eric.

Die Fahrradreisenden von heute sind mit hochentwickelten Maschinen ausgerüstet, denen die Einheimischen den Spitznamen ‚Raumschiffe‘ gegeben haben. Sie sind oft mit ihrer eigenen Welt über Handys, E-Mail und Asphalt verbunden. Ihre Routen werden eventuell von Agenten ausgedacht, um Sponsoren, Schlagzeilen und einen Platz im Buch der Rekorde zu bekommen. Sie werden in Film, Video, Druck und dem Internet verewigt. Wo die Langstreckenfahrer früher die Welt erlebten, zeichnen sie sie jetzt auf. Wo sie einst empfingen, schicken sie heute ab. Ist dabei etwas abhanden gekommen?

Als meine eigene Fahrrad-Odyssee um die Welt sich zum Ende neigte, besuchte ich Eric Attwell, einen der letzten Pioniere, eine 85jährige quicklebendige Legende unter den Erdteil-Durchquerern, der alles ganz anders angepackt hatte. In Kapstadt hatte ich ein Exemplar seines Buches ‚The Road to London‘ gefunden, mit einem lobenden Vermerk des international bekannten Dramatikers Athol Fugard, der schrieb, man könne sich nicht davon losreißen. Während der nächsten 1000 km konnte ich mich auch nicht davon losreißen, ich verschlang die Kapitel fast ohne Atempause. Schließlich klopfte ich bei dem Autor in seinem kleinen Haus in Port Elizabeth an, einer Hafenstadt am Indischen Ozean. Ich wusste, dass man alte Leute in Afrika als wandelnde Bibliotheken ansieht.

Eric Attwell kredenzte mir ein Glas Rotwein ein und ließ mich eine Weile allein, in der ich mir seine Sammlung von Geographiebüchern und klassischer Musik anschauen konnte. Seine feinen Gesichtszüge waren immer lebhaft. Er bereitete eine Mahlzeit vor und entschuldigte sich für das bescheidene Essen, kannte er doch den legendären Appetit von Radfahrern. Während er sein Buch für mich signierte, spürte ich auf einmal, wie tief er seiner Reise verbunden war. Während er seine Reise im langsamen Fahrrad-Stil erzählte, schien er durch die beschworenen Erinnerungen so bewegt zu sein wie ich.

Reisen ist eine Art von Kriminalität

In den 30er Jahren bestand Afrika aus Kolonien. Eric Atwell ist Nachkomme der englischen ‚Siedler von 1820‘ in Südafrika. Weil er ein bescheidener Mensch mit bescheidenen Mitteln war, wählte er ein Fahrrad für die Reise: „Ein Auto oder ein Motorrad war viel zu teuer, und zu Fuß hätte das zu lange gedauert.“ Seine Familie hielt ihn für verrückt. „Ich habe gerade deinen Brief gelesen und bin zu dem Schluss gekommen, dass du betrunken gewesen sein musst, als du ihn geschrieben hast“, schrieb Sonny, sein älterer Bruder. „Ein Fahrrad lange Steigungen hinaufzuschieben, nachdem du das Land in einem bequemen Auto bereist hast, wäre das schiere Elend, vor allem wenn andere Autos vorbeirauschen und dich dabei einstauben.“

Zurückblickend meint Eric, dass sie überhaupt nicht verrückt waren, sondern viel Glück hatten, Afrika so zu sehen, wie es damals war. Wilfred Thesiger schrieb einmal: „Reisen ist eine Art von Kriminalität, weil es asozial ist, eine Ablehnung der Normen, an die sich die meisten Leute halten.“ In der afrikanischen Odyssee der Attwells lag so etwas wie kreative Kriminalität. Eric hatte in Großbritannien bei linker Politik mitgemacht, vor allem was den spanischen Bürgerkrieg anging, und hatte die pazifistischen Schriften von Bertrand Russell gelesen. Er und sein Bruder Jack, der zehn Jahre älter war, arbeiteten in einer Radio- und Kühlschrank-Firma. Die machte gerade dicht, und gleichzeitig drohte die Wehrpflicht. Als junge Männer wollten sie die Welt sehen und nicht Krieg führen.

„Jack las Hammertons ‚Our Wonderful World‘“, erklärte Eric, „und ich war von Howard Carters Bericht gefesselt, wie er das Grab von Tut-anch-amon entdeckt hatte. Ein Jahr früher nach einem Kinobesuch gingen wir die Strandpromenade entlang. Wir sprachen beiläufig vom Verreisen wie schon oft zuvor. Als wir Stunden später zum Auto zurückkamen, gab es wohl kaum einen Winkel der Welt, den wir nicht unbedingt besuchen wollten.“

Sie klopften bei drei Fahrradmarkenhändlern in Johannesburg an: Hercules, BSA und Royal Enfield. Nur der letzte reagierte positiv. „Er war sicher, dass der Hersteller in London seine Arme ausbreiten und uns ein hübsches Sümmchen geben würde, aber er verkaufte uns erstmal die schwarzen ausgestatteten Rahmen zum Normalpreis, drei Pfund und sechs Schilling pro Nase.“ Eric erinnert sich an den Brooks Ledersattel, die Sturmey-Archer Dreigangschaltung, die Reynolds Kette und die John Bull Reifen, als ob es gestern wäre. „Wir holten unsere Räder um fünf ab, und um Mitternacht waren wir auf dem Weg.“

Er zeigte mir die Karte im Maßstab 1:2.000.000, die sie benutzten. Ein paar rote Linien waren die einzigen ‚Straßen‘, die es damals gab – nur 400 km Asphalt zwischen Port Elizabeth und Kairo.

Attwell war neugierig auf mein 24-Gang Mountain Bike, aber nicht neidisch. „Wir hatten kein Geld, einfache Maschinen und fürchterliche Wege, aber wir waren sicher. Überall nahmen uns die Leute mit nach Hause, und wir ließen unsere voll ausgerüsteten Fahrräder die ganze Nacht vor ihren Hütten. Wir dachten noch nicht mal an Diebstahl!“ Was sie auf ihrer Reise durchbrachte, war das einzige, was man nicht einpacken kann: die Gastfreundschaft fremder Leute. Sie wussten, was die Brüder nötig hatten: eine warme Mahlzeit, ein trockenes Bett und Leute, die sie zum Lachen brachten. Es hat seitdem eine Revolution im Radfahren und in der Kommunikation gegeben, doch Eric meint: „Die wichtigste Veränderung hat im Verhalten der Menschen stattgefunden.“

Der Mensch beginnt bei den Füßen

Sie nahmen nur das allernotwendigste mit und noch weniger Geld – zu Anfang 52 Rand – und einen unwahrscheinlichen Luxus: Jacks Gitarre. „Unsere Abfahrt war fast ein Desaster“, erinnert sich Eric. „Als wir es endlich mit Mühe und Not in den Addo Nationalpark schafften, war es fast fünf, und wir hatten einen schlimmen Sonnenbrand, steife Gliedmaßen, einen Wolf, Hunger, Durst und fast alle Illusionen verloren.“

Torheit verschafft aber eine Art Freiheit. Eric hatte einen Augenblick der Wahrheit, als er über sich zu schweben schien und mit irritierender Bewußtheit auf die Unsicherheit, Belanglosigkeit und schlichte Dummheit des ganzen Unternehmens herabblickte: „Als wir nach der Abfahrt aus den Swartkops oben auf dem Berg ankamen, schaute ich nach den Lichtern von Port Elizabeth zurück, und mir wurde plötzlich zum ersten mal klar, dass ich mein früheres Leben, meine Freunde, meine Familie und alles Vertraute hinter mir ließ. Es war ein seltsames, erschreckendes, aber auch erhebendes Gefühl.“

Als die Gebrüder Attwell endlich in Johannesburg ankamen, kauften sie wasserdichte Umhänge, Packtaschen, Tropenhelme, Schlafsäcke und einen neuen Fotoapparat. In Rhodesien (jetzt Zimbabwe) kauften sie ein Zelt. Ein Bild, das später auf der Fahrt aufgenommen wurde, zeigt sie mit ihrer endgültigen Ausrüstung. Das Zelt liegt mit zwei Packtaschen auf dem Gepäckträger. Jacks Gitarre ist im Rahmen angebracht.

„Der Mensch beginnt bei den Füßen“, sagen die Ureinwohner von Australien. Die Atwells lernten den Kontinent von unten nach oben kennen. „Unsere weiß überzogenen Helme und schwer beladenen Fahrräder machten uns unübersehbar, und wir gewöhnten uns bald daran, dass uns die Leute in den Dörfern, Städten und unterwegs anhielten, um uns nach dem Woher und Wohin zu fragen.“

Neben der Standardbeschreibung berühmter Schauplätze wie der Viktoria-Fälle, der Flamingos in den Seen von Kenia und des Grabes von Tut-anch-amon ist es die menschliche Seite des Buches, die am stärksten herauskommt. Die Leute weiter im Norden hatten keine Ahnung von Südafrika. „Sie waren erstaunt, als sie zwei Weiße auf Fahrrädern sahen, noch mehr, als ich mich nach einem Bett umsah. Niemand konnte verstehen, dass wir nach London wollten.“ Die Radfahrer konnten das manchmal auch nicht verstehen.

Afrikanische Auffassungen von Zeit und Gastfreundschaft durchdrangen ihre Fahrt, wenn Dorfbewohner zu Gastgebern wurden und Wartungs- und Reparaturdienste ausführen wollten, ohne Bezahlung anzunehmen. Ihre Fahrräder riefen offenbar Sympathie hervor. „Manche unserer Gastgeber waren sehr arm. Viele waren Leiter von Darab Kettenläden, lebten hauptsächlich von der Kommission und konnten sich die Gastfreundschaft, die sie großzügig anboten, kaum leisten. Einer der ärmsten versuchte sogar, uns zum Abschied ein paar Schilling in die Hand zu drücken.“

Das Buch schließt mit einem ‚verspäteten Gruß‘ an diese großzügigen Fremden: „Ohne ihre Freundlichkeit, die so spontan und großzügig gewährt wurde, wäre unsere Unternehmung nicht möglich gewesen.“

Krankheiten und Desaster

Der Zustand der ‚Straßen‘ verlangte Ihren Fahrrädern viel ab. „Wir zählten, dass wir allein in Afrika fast 100 Speichen ersetzen mussten. Das Ersetzen der Speichen war eine langweilige, zeitraubende Arbeit, und meistens warteten wir, bis drei oder vier an jedem Rad ausgewechselt werden mussten. Die Reifen mussten abgenommen werden, und nach dem Einsetzen der Speichen musste die Spannung eingestellt werden, damit die Räder richtig ausgewuchtet waren. Wir hatten überraschend wenig platte Reifen. Unsere Dreigangschaltung half enttäuschend wenig auf den vielen zermürbenden Steigungen, die wir zu nehmen hatten. Da gab es nur noch absteigen und schieben, deshalb verschlissen wir viel mehr Schuhleder, als wir eingeplant hatten.“

Tsetsefliegen waren auch ein Problem. Sie besorgten sich Fliegenwedel und fuhren einhändig, um sich die Insekten vom Leibe zu halten. Das führte fast zum Unglück: beim Erschlagen einer Fliege fuhr Eric durch ein Schlagloch und raste von der Straße. Er war kaum verletzt, aber der Rahmen war verdreht und die Gabeln verbogen, und beim Fahren stießen die Zehen bei jeder Umdrehung gegen das Vorderrad. In Malawi erwischte ihn die Malaria trotzdem. Eines Abends, als Eric krank im Bett lag, wurde Jack (ein unheilbar beliebter Mensch, der „sich nie an normale Zeiten hielt“) zu einer ziemlich wilden Party eingeladen und „torkelte morgens um zwei sehr ausgelassen in unser Zimmer. Er muss auf der Party sehr beliebt gewesen sein, denn zwei Gitarrensaiten waren gerissen, seine Zupffinger waren ziemlich wund und seine Stimme war fast hinüber.“

Eric hatte sich kaum erholt, als sie wieder aufbrachen. „Das Niedertreten des Pedals war eine mächtige Anstrengung, und die sengende Hitze brachte mir keine Besserung. Der Äquator war immer noch über 1.1OO km entfernt, und jeder Tag konnte nur ständig heißer werden.“

In Uganda waren sie von der Anzahl der Radfahrer angenehm überrascht: „Der relative Wohlstand der Bevölkerung zeigte sich u.a. an der erstaunlichen Zahl von Fahrrädern. Fast jeder erwachsene Mann im Land schien ein Fahrrad zu haben, und die wohlhabenderen verzierten sie mit einem absurden Krimskrams. Oft sahen wir einen Radfahrer, auf dem Beifahrersitz seine Frau in ihren wehenden Gewändern und mit dem Baby auf dem Rücken. Aber wir sahen nie eine Frau allein radfahren... Manchmal sahen wir Radfahrer, die ihre Beförderungsdienste anboten – Fahrradtaxis.“

Weiter nördlich im Sudan mussten sie sich von den praktisch nicht vorhandenen Wüstenstraßen geschlagen geben und die 1000 km lange Strecke von Juba nach Chartum mit dem Raddampfer auf dem Nil zurücklegen. In fast jedem ägyptischem Dorf setzten ihnen magere, hungrige, wilde Hunde zu, die ihre jahrelange Frustration abließen, die sich beim Verbellen gelassener Kamele und Esel aufgestaut hatte: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“, heißt es.

Das heißt aber nicht, dass die Straßen in der Stadt viel sicherer waren. „In Ägypten sind die Bürgersteige für Cafés, Händler und Schuhputzer da – genau genommen für alles, nur nicht zum Gehen. Folglich gehen alle Leute auf der Straße. Der Autofahrer, der von A nach B will, wirft seinen Wagen an und beginnt automatisch zu hupen. Während er sich durch die Fußgänger, Radfahrer, Karren, Händler, Hunde und Esel schlängelt, hupt er immer weiter. Besondere ohrenbetäubende Hupen wurden importiert, und ihren Krach, die Fahrradklingeln, die Schreie der Händler, deren stimmliche Stärke vor der Einstellung geprüft worden war, sowie das allgemeine Gebrabbel der Menge musste man schon miterlebt haben, um es zu glauben.“

Sichere europäische Heimat

Schließlich erreichten die Gebrüder Attwell Europa in den Klauen eines bitteren Winters, immer noch mit ihren unpassenden Tropenhelmen bedeckt. Sie mussten ihre letzten 16 Rand beim österreichischen Zoll hinterlegen, womit sie nur noch 45 Cent für die Durchquerung von Österreich hatten. Zum Glück trafen sie in Wien auf den dortigen Leiter von Associated Press, der ihnen aushalf.

Sie kamen am Freitag, den 17. Dezember 1937 in Victoria Station in London an, 22 Monate und 6 Tage nach ihrer Abfahrt von Port Elizabeth. Sie hatten sich unterwegs nur zweimal gestritten.

Die Royal Enfield Company in London bereitete ihnen einen frostigen Empfang und bot ihnen nur einen Scheck über 40 Rand. Der Hersteller der ‚John Bull‘ Reifen kaufte ihnen ein paar Fotos für je 75 Cent ab und benutzte eines in seiner Werbung. Sie machten zwei Sendungen für die BBC und zwei Gespräche im Fernsehen – ein kurzer, aber schöner Augenblick des Ruhms. Die 11.000 km lange Fahrt hatte sie £160 gekostet, einschließlich der Fahrräder.

Sie blieben bis Kriegsausbruch in England, als sie beide in Flugzeugfabriken arbeiteten, und schließlich fuhren sie 1946 von London zurück nach Port Elizabeth. Ein paar Jahre später begann die Apartheid (Rassentrennung); die südafrikanische Regierung sperrte Eric 49 Tage ins Gefängnis und beschlagnahmte seinen Reisepass für 29 Jahre. Jack, „der beste Kamerad, den ich mir wünschen konnte“, starb 1963 bei einem Motorradunfall.

Eric hatte ein aktives und harmonisches Leben und ist immer noch aktiv in der örtlichen Tier- und Umweltgruppe und in der Musikgruppe. Mit 85 hat er kein bisschen Fett an seinem Körper. Die waghalsige Fahrt der Attwells war eine der größten Bravourleistungen des Langstreckenradfahrens, aber Eric hat nie daran gedacht, diese Fahrt zu wiederholen, statt dessen erhält er lieber seine Erinnerungen aufrecht.

Eric Attwells Buch hat mich wirklich inspiriert. Jetzt fühlte ich mich tief geehrt, etwas Zeit mit meinem Vorbild zu verbringen. Der handgroße Blechglobus an der Lenkstange, mein GPS Navigationssystem, zeigte uns ganz unten auf dem Schwarzen Kontinent 63 Jahre nach seinem Aufbruch.

Nach fünfjähriger Fahrt durch 37 Länder, nach über 90.000 km und drei Fahrrädern ist nur noch eins zwischen mir und meinem Zuhause: Afrika. Die Begeisterung für diese Aufgabe steigt in mir auf. Auf einmal begreife ich die Intensität seiner Augen.

Claude Marthaler, Port Elizabeth, Südafrika, Juni 1999

The Road to London von Eric Attwell, ISBN 620 21982 3.