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Hoffnungsräder in Uganda
Wasser, Nahrung und medizinische Versorgung sind lebensnotwendig, die Grundlagen zum Überleben der Menschen – und man hält sie oft für etwas Selbstverständliches. Aber nicht in Uganda. Richard Kisamadu erläutert, wie das Fahrrad dazu beiträgt, diese grundlegende Versorgung aufs Land zu bringen.
Mein Land heißt Uganda, das Winston Churchill einmal die ‚Perle Afrikas‘ genannt hat. Es ist ein Land, das florieren sollte, mit fruchtbaren Böden und einer soliden Landwirtschaft. Und es ist ein schönes Land, vom Viktoria-See, der Quelle des Weißen Nils, bis zu den Ruwenzori Bergen, einer der letzten Heimstätten des Berggorillas.
Doch die politische Geschichte von Uganda hat diesen potentiellen Wohlstand untergraben. Die Auseinandersetzungen und das Morden zur Zeit von Idi Amin haben in den letzten Jahren nachgelassen, und eine gewisse Stabilität ist zurückgekehrt. Doch diese Ereignisse hinterließen der Bevölkerung eine zerstörte Infrastruktur und ein Ausmaß an Armut, das erst nach Jahren behoben werden kann. Der Prozess der Wirtschaftsreform hat auch seine Opfer: das ‚strukturelle Anpassungsprogramm‘ des IMF (Internationaler Währungsfond) für Ugandas Wirtschaft bedeutet, dass die Regierung kein Geld für Wohlfahrt und Gesundheit ausgibt. Neben diesen Schwierigkeiten ist AIDS ein ernstes Problem geworden, das nach manchen Schätzungen rund 25% der Bevölkerung betrifft.
Das heißt nicht, dass wir ein Land ohne Hoffnung sind: ganz im Gegenteil. Afrika, und insbesondere Uganda, ist ein Ort, wo jedes Mittel mit großem Geschick bis zum äußersten benutzt wird, wo alles Gute, was passiert, mit echter Freude aufgenommen wird. Und eines der besten Dinge, das vielen Familien in Uganda widerfahren kann, ist ein Fahrrad.
In Uganda, wie in vielen Entwicklungsländern, ist das Fahrrad sehr gefragt für die Kurzstrecken-Beförderung von Gütern und Menschen. Es ist eine angemessene Technik, die mit vorhandenen Werkzeugen und Materialien gewartet werden kann. Das Fahrrad bietet ein direktes Einkommen: es bringt einen Arbeiter an einen Arbeitsplatz, der sonst zu weit weg wäre, oder es ist ein Beförderungsmittel.
Eine weitere wichtige Rolle für das Fahrrad besteht darin, landwirtschaftliche Erzeugnisse auf den Markt zu bringen. Das Fahrrad kann die Wirtschaftlichkeit kleiner Bauernstellen erheblich verbessern, wenn der Bauer seine Produkte in einer Ladung von bis zu 200 kg befördern kann und viel schneller und billiger als sonst. Der Bauer hat mehr Zeit für seinen Hof, und die Waren kommen frischer auf den Markt.
Vor allem die Frauen profitieren vom Einsatz des Fahrrads. Es bleibt meistens den Frauen überlassen, das Land zu bestellen, die Ernte zum Markt zu tragen und das Trinkwasser zu holen. Die Lasten – die normalerweise auf dem Kopf getragen werden – sind manchmal riesig: 20 Liter Wasser in einem Kanister wiegen über 20 kg. Das Tragen solcher Lasten von klein auf, oft zwei Stunden am Tag oder länger, führt häufig zu schweren Rückgratverletzungen. Auf einem Fahrrad dagegen kann man die doppelte Menge leicht und sicher in zwei Kanistern befördern, die am Gepäckträger befestigt sind.
Wenn die Frauen vom stundenlangen Marschieren und Schleppen befreit sind, können sie diese Zeit produktiver nutzen, d.h. in vielen Fällen ein zusätzliches Einkommen verdienen. In Ugandas traditioneller Männergesellschaft ist das eine starke Kraft für die Emanzipation und die Selbstachtung der Frauen. Selbst zu verdienen, versetzt Frauen in die Lage, bei Entscheidungen, die sie betreffen, mitzureden.
Das Fahrrad kann also ein mächtiger Antrieb für gute Sachen sein. Es gibt da bloß ein Problem. Viele Menschen in Uganda und vor allem Frauen können sich einfach kein Fahrrad leisten – viele noch nicht einmal ein vernünftiges Paar Schuhe!
Um diesen toten Punkt zu überwinden, wurde 1991 das Fahrradsponsorprojekt mit einer Werkstatt in Jinja am Nordufer des Viktoria-Sees eingerichtet, in Partnerschaft mit der deutschen Organisation Jugendhilfe Ostafrika. Das Projekt ist eine karitative, nicht-staatliche Organisation. Sein Hauptzweck besteht darin, die bedürftigsten der Gesellschaft, vor allem Frauen, mit Fahrrädern zu versorgen, als Beitrag zur Beseitigung der Armut in unserem Land.
So funktioniert's: in Uganda und außerhalb wird finanzielle Unterstützung gesucht, vor allem durch unsere Partnerorganisation in Deutschland. Spenden erlauben der Wohltätigkeitsorganisation, Fahrräder zu kaufen – die Maschinen werden normalerweise en gros in Indien gekauft, nicht montiert – und werden in unserer Werkstatt bei Jinja montiert. Diese Werkstatt dient auch als Ausbildungszentrum, wo vor allem Waisenkinder die Fahrradreparatur lernen.
Wenn das Fahrrad fertig ist, nominiert eines der vielen Ortskomitees einen Empfänger. Um die Verbindung zwischen dem Spender und dem Empfänger zu fördern, schreibt der Empfänger einen Brief an den Spender, in dem beschrieben wird, wie das Fahrrad verwendet werden soll.
Bis jetzt hat das Programm über 3000 Fahrräder in Uganda verteilt, mehr als die Hälfte an Frauen. Es ist unmöglich, mit der Nachfrage Schritt zu halten, und deshalb sehen sich die Komitees, die die Zuteilung der Fahrräder vornehmen, vor viele schwierige Entscheidungen gestellt.
Viele andere Wohltätigkeitsorganisationen und Leute, die die Armut in Uganda bekämpfen, sind auf unsere Arbeit aufmerksam geworden, und wir arbeiten eng mit örtlichen Gesundheits- und Gemeindegruppen zusammen. Wir stellten aber auch fest, dass Leute von weiter weg und sogar aus anderen Ländern in Afrika mehr über das Radfahren herausfinden wollten. Das Ergebnis war FABIO: First African Bicycle Information Office.
So wie wir über die Stärken und Vorteile des Fahrrads aufklären, suchen wir auch Information. Uganda ähnelt vielen afrikanischen Ländern darin, dass es überhaupt kein statistisches Material über die Verwendung von Fahrrädern gibt: keiner weiß, wie viele Fahrräder es gibt, wie viele Kilometer sie zurücklegen und wie sie verwendet werden. Wir versuchen auch herauszufinden, wie lange verschiedene Fahrradtypen durchschnittlich im ländlichen Uganda überleben. Wir untersuchen auch preisgünstige Techniken, um die Ladefähigkeit von Fahrrädern zu verbessern: robuste Anhänger, lasttragende Umbauten usw.
Unser Hauptzweck ist, das Radfahren in Uganda und Afrika zu verbreiten, und deshalb organisieren wir Fahrrad-Rallys und Rennen, Ausstellungen, Seminare für Fahrradwartung und Verkehrsunterricht für Schulen. In unserer Hauptstelle haben wir eine Bibliothek für Bücher und Videos über Radfahren auf der ganzen Welt, jeder Besucher kann reinkommen und ein wenig die Welt der Fahrradkultur beschnuppern, die sich auf unser Land ausgedehnt hat.
Mehr über Uganda:
KRANKENSCHWESTER
Eines der Ziele des Fahrradsponsorprojekts ist es, die Krankenpfleger der Gemeinden durch die Vergabe von Fahrrädern mobiler zu machen. Somit kommt die Gesundheitsfürsorge zu den Menschen: sonst müssen die Kranken oft stunden- oder tagelang zu einem der doch recht wenigen medizinischen Zentren in einer Stadt marschieren. Wenn sie so krank sind, dass sie nicht gehen können, müssen drei oder vier Freunde oder Verwandte ihre Arbeit aufgeben und sie auf einer Bahre ins Krankenhaus bringen.
Krankenpfleger mit Fahrrädern können Impfungen in Dörfern abseits der Hauptstraßen ausführen, wobei sie isolierte Medikamenten-Kästen benutzen, die hinten am Fahrrad angebracht sind. Hebammen, Krankenschwestern für AIDS Patienten und Physiotherapeuten (viele ihrer Patienten haben Gliedmaßen durch Landminen verloren) können ihre Patienten viel leichter erreichen und bei ihrem Krankenbesuch wertvolle Gesundheitsumfragen durchführen.
LÖTEN
Rahmenreparatur auf afrikanisch. Außerhalb der Städte gibt es kein Flaschengas und keine Elektroschweißmaschinen - und wenn es sie gäbe, wären sie zu teuer. Statt dessen wird alles vom Rahmen entfernt, er wird hingelegt und ein Holzkohleofen wird um das kaputte Gelenk angelegt. Steine (für dieses Foto wurden einige entfernt) halten die Hitze zusammen. Mit einem Fußblasebalg wird Luft durch den Ofen gepresst, während der Reparateur einen Hartlotstab in die Fuge einbringt. Schmiede benutzen diese Methode seit vielen Jahren zur Reparatur und Herstellung vieler Metallgegenstände, nicht nur bei Fahrrädern.
FRÖHLICHE FRAUEN
Die Empfänger von Fahrrädern aus dem Fahrradsponsorprojekt zeigen ihre Begeisterung kurz vor dem Empfang ihrer Maschinen. Die Übergabe selbst ist ein Grund zum Feiern: für viele bedeutet sie eine große Veränderung in ihrem Leben.
VIELE TAXIS
Der meiste Nahverkehr in ugandischen Städten wird von Boda-Bodas geleistet: Fahrrädern mit einem gepolsterten Gepäckträger. Den Verkehr zwischen Städten übernehmen Kleinbusse für die, die es sich leisten können. Für die meisten ist das zu teuer, sie warten auf dem Marktplatz bis zur Abfahrtszeit. Die meisten Straßen in Uganda wurden vor über 40 Jahren angelegt, und diese Fahrzeuge, neben Regierungsverkehr und Privatverkehr, verursachen enorme Staus. Oft ist alles verstopft, und der Verkehr steckt stundenlang fest, verschmutzt die Luft und hält sogar Radfahrer auf.
Die meisten Fahrzeuge sind auch sehr alt, oft aus dritter oder vierter Hand, und viele verursachen starke Verschmutzung. Die Situation wird nicht besser durch ein Steuersystem, das ältere Fahrzeuge geringer besteuert. Die Betreiber von Kleinbussen importieren ältere, umweltschädlichere Fahrzeuge, um von diesem System zu profitieren. FABIO kämpft dafür, diesen Steueranreiz umzukehren, damit neuere, umweltfreundlichere Fahrzeuge weniger Steuern zahlen müssen.
SCHÜLERINNEN
Auf dem ausgedehnten Land haben Kinder es eventuell viele Kilometer bis zur Schule. Schulen sind in Uganda, wie viele andere Einrichtungen, chronisch unterfinanziert. Die Regierung hat ein Programm für allgemeine Grundschulerziehung, aber das heißt, dass die Lehrer Klassen mit durchschnittlich mehr als 80 Schülern unterrichten müssen. Der Verkehr ist auch für die Lehrer ein Problem, denn die Schulen bieten im allgemeinen keine Unterkunft – deshalb müssen Lehrer eventuell zusätzlich zum Korrigieren und Vorbereiten jeden Tag große Entfernungen zurücklegen. FABIO hilft durch die Bereitstellung von Fahrrädern an Schüler und Lehrer und gibt Schülern auch Verkehrsunterricht.
HOCHZEIT
Fahrradtransport ist bei den meisten Hochzeiten auf dem Land die einzige Möglichkeit: nicht nur sind die Straßen oft sehr schlecht, die Kosten für motorisierten Transport sind selbst für so ein besonderes Ereignis einfach unerschwinglich – das Geld wird schließlich für Essen, Trinken und Festlichkeiten gebraucht! Das Fahrrad hat sogar mehr Paare dazu gebracht, die afrikanische Tradition einer ‚offiziellen Vorstellung‘ vor der Hochzeit zu befolgen. Ohne Fahrrad geht das Reisen einfach zu langsam und kostet zu viel wegen der Beurlaubung von der Arbeit – man schätzt, dass sich das auf 50% der Gesamtkosten einer Hochzeit beläuft.
FRAUEN-RENNEN
Eventuell Ugandas erstes Radrennen für Frauen. In manchen Kulturen in Uganda und anderswo in Afrika ist es für Frauen tabu radzufahren. FABIO versucht, diese Einstellung durch das Abhalten dieser Rennen zu ändern, die immer neben den Rennen für die Männer stattfinden. Die Frauen kämpfen um Preise, die denen der Männer gleich sind. Die Absicht ist, die Frauen zum Selbstvertrauen im Radfahren zu ermuntern und die Einstellung der Öffentlichkeit zu beeinflussen.



